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Der Bardo

Wenn der Geist sich selbst begegnet

 

Was geschieht, wenn die vertraute Welt verschwindet und nur noch das Bewusstsein bleibt? Wenn Gedanken, Ängste und Sehnsüchte über unsere innere Erfahrungswelt hinauswachsen und ganze Welten hervorbringen? Die tibetischen Lehren vom Bardo eröffnen einen faszinierenden Blick auf diese Fragen. Im tibetischen Buddhismus bezeichnet der Bardo einen Zwischenzustand, einen Raum des Übergangs, in dem sich die verborgenen Dimensionen unseres Bewusstseins zeigen können. Traditionell wird er vor allem mit den Zuständen zwischen Tod und Wiedergeburt verbunden. Doch auch unser Leben zwischen Geburt und Tod kann als Bardo verstanden werden. In der tibetischen Lehre werden traditionell sechs Bardos unterschieden. Neben dem Bardo des natürlichen Lebens gehören dazu der Traum- und Meditations-Bardo sowie drei weitere Zwischenzustände, die den Sterbeprozess, die Erscheinungen nach dem Tod und den Übergang zur Wiedergeburt beschreiben.

 

Eine der bekanntesten Darstellungen dieser Zwischenzustände findet sich im Bardo Thödol, das im Westen als Tibetisches Totenbuch bekannt wurde. Sein eigentlicher Titel bedeutet Befreiung durch Hören im Zwischenzustand. Das Werk führt durch die Erscheinungen des Bewusstseins und zeigt einen Weg, ihre wahre Natur zu erkennen. Was uns dort als äußere Welt begegnet, kann sich als Spiegel unseres eigenen Geistes erweisen.

 

Dieser Artikel lässt sich deshalb auf zwei Arten lesen. Einerseits als eine Reise durch die geheimnisvollen Bewusstseinswelten nach dem Tod und andererseits als eine Einladung, die eigenen Gedanken, Ängste, Konditionierungen und Projektionen bereits im gegenwärtigen Leben zu erkennen. Vielleicht entdeckst du beim zweiten Lesen, dass vieles, was zunächst wie eine Beschreibung des Jenseits erscheint, längst Teil deiner eigenen Erfahrung ist und dass die Möglichkeit des Erwachens nicht erst nach dem Tod auf dich wartet, sondern bereits hier und jetzt offensteht.

 

Wenn Bewusstsein Wirklichkeit erschafft

Wenn sich das Bewusstsein vom Körper löst und der letzte Atemzug sich in Stille auflöst, beginnt nach tibetischer Vorstellung die Welt, wie du sie kanntest, sich aufzulösen wie Sand, der ins Meer fällt und jede feste Form verliert. Was übrigbleibt, ist keine Dunkelheit, sondern eine überwältigende Enthüllung. Der Geist, den du dein ganzes Leben lang mit dir getragen hast, wird nun zum Medium, durch das Realität geformt wird. Und jeder Gedanke wird zu einem Maler, einem Bildhauer, einem Schöpfer ganzer Welten.

 

Im Bardo bricht die Wirklichkeit unverhüllt hervor. Wie in einem kosmischen Spiegel zeigt sich deine wahre Natur. Zum ersten Mal begegnest du einer Wirklichkeit, die unmittelbar aus deinem Bewusstsein hervorgeht. Was du bisher als leise Stimme in deinem Inneren kanntest, breitet sich nun als leuchtendes Ereignis über das Gewebe der Wirklichkeit aus.

 

Hier gerät der untrainierte Geist in Panik, weil die Gesetze, die du für selbstverständlich gehalten hast, nicht mehr existieren. Der Moment nach dem Tod kann für denjenigen zutiefst furchterregend sein, der nie gelernt hat, den eigenen Geist zu beobachten. Denn im Bardo wird die innere Welt äußerlich, das Unsichtbare sichtbar und das Flüchtige dauerhaft.

 

Stell dir vor, du erkennst plötzlich, dass ein einziger Blitz der Angst ein ganzes Reich aus Schatten heraufbeschwören kann oder ein Moment des Verlangens einen geliebten Menschen aus Erinnerung und Licht entstehen lässt. Dann beginnst du zu verstehen, dass der Bardo ein Erfahrungsraum des Bewusstseins ist, vergleichbar mit einer Projektionskammer, in der jeder undurchschaute Gedanke real genug wird, um dich gefangen zu halten.

 

Dies ist die Schwelle, an der das Ego seine Bindung an das Gehirn verliert, seine letzten Illusionen freigibt und schließlich der unverhüllten Wahrheit gegenübersteht. Du betrittst einen Bereich, in dem Absicht zu Architektur wird, Emotion zu Klima, Erinnerung zu Gelände und Gedanke zu Welt. Und wenn du nicht rechtzeitig erwachst, wirst du von genau jenem Geist verschlungen, den du dein ganzes Leben für dich selbst gehalten und kultiviert hast.

 

Im Bardo gibt es keinen Körper mehr, der die Wahrnehmung begrenzt, keine Sinnesorgane, durch die Erfahrung vermittelt wird, und kein physisches Gehirn, das das Unendliche herausfiltert. So wird das Bewusstsein selbst zum Projektor, dessen Bilder unmittelbar aus ihm hervortreten und in der Leere Gestalt annehmen. Die Tibeter beschreiben diesen Moment als die Enthüllung des Ursprungspunktes der Schöpfung, jenes einen Punktes, an dem Gedanke und Erscheinung untrennbar werden.

 

Eine einfache Angst bleibt hier nicht länger nur ein Gefühl. Sie erblüht zu einer ganzen Welt. Vielleicht zu einem dunklen Tal voller sich wandelnder Formen oder zu einem Abgrund ohne Boden. Und aus einem einzigen Moment des Begehrens kann ein Paradies der Illusion entstehen, ein Reich, das vor sinnlicher Wonne trieft und aus den Fragmenten all jener Vergnügungen zusammengesetzt ist, denen du jemals nachgejagt bist.

 

Der unerwachte Geist erkennt nicht, dass er sich selbst träumt, solange er sich seiner eigenen Projektionen nicht bewusst ist. Er hält die Welten, die aus ihm selbst hervorgehen, für etwas Äußerliches und klammert sich an sie. Durch dieses Festhalten verdichtet sich der Traum zu einer vorübergehenden Realität, zu einer psychischen Welt mit eigenen Bewohnern, eigenen Gesetzen und eigenen Landschaften.

 

Stell dir den Geist wie einen Maler vor, dessen Pinselstriche Emotionen sind, dessen Farben karmische Prägungen und dessen Leinwand reines Bewusstsein ist. Alles, was du nie gelöst hast, was du unterdrückt, verleugnet oder gefürchtet hast, wird zu dem Material, aus dem dein Geist die Welt um dich herum errichtet.

 

Die friedvollen und zornvollen Gottheiten, denen du im Dharmata-Bardo, dem Zwischenzustand der Erscheinungen nach dem Tod, begegnest, sind keine Götter im westlichen Sinne. Sie sind Projektionen deiner eigenen Psyche, ins Kosmische vergrößert zu Wesen von gewaltigem Ausmaß, in denen sich die unverhüllte Wahrheit deines inneren Lebens widerspiegelt.

 

Die friedvollen Gottheiten verkörpern Mitgefühl, Klarheit und Weisheit. Die zornvollen erscheinen als furchterregende Ausdrucksformen derselben Geistnatur. Sie können verdrängte Wut, Scham, Schuld und Angst berühren und zugleich jene kraftvolle Weisheit verkörpern, die den Geist aus seiner Verblendung zu befreien vermag. Doch weil im Bardo alles verstärkt erscheint, übersteigen ihre Größe, ihre Macht und ihre Intensität alles, was die menschliche Vorstellungskraft erfassen kann.

 

Die Tragödie besteht darin, dass die Seele auch im Bardo weiterhin ihrer Angst folgt, wie sie es bereits während ihres ganzen Lebens unzählige Male getan hat, meist ohne es überhaupt zu bemerken. Sie flieht vor ihren eigenen Manifestationen, weil die Angst ihr vorgaukelt, darin liege der Schlüssel zur Befreiung. Doch indem sie ihrer Angst folgt, nährt und verstärkt sie jene Erscheinungen, aus denen sie sich zu befreien versucht. Erst wenn sie ihre Angst durchschaut und aufhört, sie durch ihr eigenes Handeln immer weiter zu nähren, kann sie erkennen, dass der Schlüssel zur Auflösung ihrer Manifestationen im Erkennen ihrer wahren Natur liegt. So wird der Bardo zu einem psychologischen Universum, dessen Architektur buchstäblich aus dem Bewusstsein entsteht, das zugleich Erbauer, Gestalter, Träumender und Geträumtes ist. 

 

Die Mechanik des Bardo mag auf den ersten Blick magisch erscheinen, doch sie folgt eigenen präzisen Gesetzmäßigkeiten, die weit unmittelbarer wirken als jene der physischen Welt. Hier wird Absicht zu Kraft, Emotion zu Schwerkraft, Aufmerksamkeit zu Form und Erinnerung zum Bauplan, aus dem Erscheinungen zusammengesetzt werden.

 

Stell dir dein Gewahrsein wie eine Sonne vor, deren Strahlen deine Gedanken sind. In der physischen Welt bleiben diese Strahlen schwach, zerstreut und gedämpft. Im Bardo jedoch flammen sie augenblicklich auf und manifestieren im selben Moment ganze Landschaften.

 

Der Grund dafür ist einfach. Mit dem physischen Gehirn fällt auch jener Filter weg, der deine Wahrnehmung im Leben begrenzt und gedämpft hat. Im alltäglichen Leben filtert das Gehirn einen Großteil des Bewusstseins heraus, um Überlastung zu verhindern. Im Bardo jedoch begegnest du deinem Geist ungefiltert, roh und in seiner ganzen Intensität. Das Ergebnis ist Schöpfung mit der Präzision und Unmittelbarkeit eines Traums, aber mit der Beständigkeit und Dichte einer physischen Welt.

 

Deshalb betonen die Lehren, dass Befreiung das Meistern der Aufmerksamkeit bereits im Leben erfordert. Denn worauf sich deine Aufmerksamkeit im Bardo richtet, wird zum Samen der nächsten Vision, der nächsten Welt, der nächsten Wiedergeburt.

Gedanken und Emotionen erschaffen Umgebungen, die so lebendig, so eindringlich sind, dass die Seele vergisst, dass sie träumt. Genau wie ein Albtraum, der sich vollkommen real anfühlt, bis du erwachst.

Im Bardo wächst die schöpferische Kraft der Angst ins Unermessliche. Was im Leben noch als Monster unter dem Bett erscheint, kann hier zu ganzen Reichen anwachsen, bevölkert von Wesen, denen deine eigenen Unsicherheiten Gestalt verliehen haben.

Hier wird jeder Gedanke verstärkt, jede Überzeugung nach außen projiziert und jeder Zweifel nimmt Gestalt an, bis dir das Innere wie etwas Äußerliches gegenübertritt. Und weil Bewusstsein nicht länger an einen Körper gebunden ist, wird der Geist multidirektional. Visionen, Zeiten und Welten können gleichzeitig entstehen, sich überlagern und ineinanderfließen, während jede Verschiebung der Aufmerksamkeit die gesamte Erfahrung neu formt.

 

Die vier Kräfte der Illusion

Angst, Begehren, Karma und Erinnerung sind die vier Kräfte, die bestimmen, wie Gedanken im Bardo Gestalt annehmen. Gemeinsam prägen sie die Gestalt der Welt, die dir nach dem Tod begegnet. Ihre Schöpfung entspringt den Kräften, die bereits in deinem eigenen Geist wirksam waren, ganz ohne das Zutun eines göttlichen Herrschers. 

Angst ist der schnellste Architekt. Sie erschafft Reiche des Schreckens mit der Geschwindigkeit eines Blitzes, weil sie die Aufmerksamkeit an sich reißt und das Bewusstsein kontraktiert. Im Bardo wird diese Kontraktion zu Schwerkraft. Die Angst zieht dich immer tiefer in das hinein, wovor du fliehen willst, und gerade deine Flucht verleiht der gefürchteten Welt immer mehr Realität.

Begehren, die zweite Kraft, erschafft berauschende Reiche, die all jenen Freuden ähneln, nach denen du dich im Leben gesehnt hast. Diese Freuden warten jedoch nicht irgendwo außerhalb von dir. Es ist das Verlangen selbst, das jene Bilder hervorbringt, die seine Erfüllung versprechen.

Karma, die dritte Kraft, bestraft dich nicht. Es ist die Richtung, die dein Geist durch all das eingeschlagen hat, was du immer wieder gedacht, gefühlt und getan hast. Diese Richtung erhält ihre Kraft durch die Trägheit eingeprägter mentaler Gewohnheiten. Jeder Gedanke, jede Handlung und jede wiederholte Reaktion vertieft eine innere Spur, der das Bewusstsein schließlich fast von selbst folgt, so wie Wasser immer wieder durch dasselbe Flussbett strömt.

Erinnerung, die vierte Kraft, ist die trügerischste, weil sie den Geist deines gesamten Lebens in den Bardo projiziert. Sie erschafft geliebte Menschen neu, vertraute Orte aus der Kindheit, unerfüllte Träume und ganze Szenen, zusammengesetzt aus dem emotionalen Nachhall deines Lebens. Gerade ihre Vertrautheit macht Erinnerungsvisionen so schwer zu durchschauen. Sie wirken wie etwas Liebgewonnenes, zu dem du nach langer Zeit zurückgekehrt bist, und lassen kaum erkennen, dass es sich um Projektionen handelt.

Stell dir vor, du begegnest einem geliebten Menschen, der vor dir gestorben ist, leuchtend in himmlischer Schönheit, und er nimmt dich voller Wärme in die Arme. Du erkennst nicht, dass dir eine Erinnerungsprojektion begegnet, geformt aus Sehnsucht und Anhaftung. Nach den Lehren können solche Visionen so überzeugend sein, dass selbst fortgeschrittene Praktizierende an ihnen festhalten und dadurch die Gelegenheit verpassen, sich im klaren Licht aufzulösen.

Gemeinsam binden Angst, Begehren, Karma und Erinnerung die Seele an ihre eigenen Projektionen. Und genau deshalb ist der Bardo ein Zustand, in dem jene unerkannten Gedanken offenbar werden, die bereits in dir wirkten und deine Realität gestalteten, ohne dass eine richtende Instanz darüber entscheidet. Was dir als Welt gegenübertritt, bist du selbst, vergrößert, nach außen gekehrt und bis in deine verborgensten Winkel sichtbar geworden. 

Befreiung geschieht, indem du mitten durch Angst, Begehren, Karma und Erinnerung hindurchgehst, anstatt ihnen entkommen zu wollen. Entscheidend ist nicht, dass sie verschwinden, sondern dass du ihre wahre illusionäre Natur erkennst. Und in dem Moment, in dem diese Erkenntnis aufblitzt, brechen die Visionen wie spröde Schalen auf und geben die formlose Leuchtkraft darunter frei. Doch für den ungeschulten Geist fühlen sich diese Kräfte wie kosmische Realitäten an, und so wandert die Seele von Reich zu Reich, ohne jemals zu erkennen, dass sie in einem Labyrinth gefangen ist, das aus der Architektur ihres eigenen Geistes gebaut wurde und dessen Mauern nur bestehen, solange sie sie für wirklich hält.

 

Hier beginnt das große Vergessen. Die Seele verliert den feinen Faden der Selbsterkenntnis und verstrickt sich in den Formen, die sie selbst erschaffen hat, wie eine Spinne, die sich im eigenen Netz verfängt. Das Gewicht des Karma zieht das Bewusstsein zu bestimmten Visionen und verstärkt sie durch emotionale Ladung, während Angst die Wahrnehmung verengt und die Visionen fest und massiv erscheinen lässt.

Mit der Anhaftung an Identität entsteht das Bedürfnis, auch jenseits des Körpers wiederzufinden, was zum bisherigen Ich gehört hat. Die Seele sucht nach geliebten Menschen, vertrauten Bildern, kulturellen Symbolen und Vorstellungen, in denen sie sich selbst wiedererkennt. Doch gerade das Vertraute kann sie binden und zu einem psychischen Gefängnis werden, getarnt als Himmel oder Hölle.

Vielleicht glaubst du, das Paradies erreicht zu haben. Alles um dich herum ist üppig, strahlend und voller Freuden. Du erkennst nicht, dass du dich in einer durch Begehren erschaffenen Illusion befindest, die irgendwann verblasst und dich orientierungslos und verletzlich zurücklässt. Gerade die schönsten Illusionen können am schwersten zu durchschauen sein, weil sie keinen Anlass geben, sie infrage zu stellen. Solange du Erfüllung mit Wahrheit verwechselst, gibt es keinen Grund, aus ihr erwachen zu wollen.

Andere geraten in Welten der Angst, die endlos erscheinen. Die Angst bindet Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit nährt Manifestation und Manifestation nährt wiederum die Angst. So verstärkt sich der Schrecken. Ohne einen Moment des Erkennens kann sich dieser Kreislauf immer weiter selbst erhalten, möglicherweise über Zeiträume, die sich für die Seele wie Jahrhunderte anfühlen.

Besonders tragisch wird diese Gefangenschaft, wenn das Bewusstsein an Abbildern geliebter Menschen festhält, ohne zu erkennen, dass diese Wesen hohle Projektionen sind, unfähig zu wachsen oder zu führen.

Die Toten können in diesen Illusionen über Zeiträume verweilen, die sich wie Äonen anfühlen, während sie durch traumähnliche Welten wandern, ohne zu erkennen, dass die Tür zur Befreiung die ganze Zeit offensteht. Der einzige Ausweg ist Wiedererkennen. Jener Bruchteil einer Sekunde, in dem das Bewusstsein erkennt, dass dies sein eigener Geist ist. In diesem Augenblick verliert die projizierte Welt ihre Festigkeit und gibt jenes klare Licht frei, das selbst inmitten aller Illusionen immer gegenwärtig war.

Doch wer im Leben nie gelernt hat, Gedanken zu beobachten, ohne sich mit ihnen zu identifizieren, wird auch im Tod nur schwer erkennen, dass die Erscheinungen des Bardo aus dem eigenen Geist hervorgehen. Statt eines Durchgangs wird der Bardo so zu einem Labyrinth selbsterschaffener Welten.

 

Der stille Zeuge

Selbst in den tiefsten Illusionen des Bardo, wenn das Bewusstsein vollständig im eigenen Traum verloren scheint, bleibt etwas unberührt. Es ist Rigpa, jenes reine Gewahrsein, in dem der gesamte Traum erscheint, das selbst jedoch niemals Teil des Traumes wird. Rigpa ist nichts von dem, was beobachtet werden kann. Gedanken kommen und gehen, Gefühle entstehen und vergehen, Erinnerungen erscheinen und verschwinden. Es ist der stille Zeuge, das Bewusstsein, in dem all dies geschieht und das bleibt, wenn alle Formen sich auflösen.

Es ist dieser Zeuge, der den Schlüssel zur Meisterschaft im Bardo in sich trägt. Du stehst inmitten eines Sturms, in dem der Himmel tobt, Bäume entwurzelt werden und die Welt um dich herum im Chaos versinkt. Und doch gibt es im Zentrum deines Seins eine Stille von solcher Tiefe, dass selbst der gewaltigste Sturm sie nicht erschüttern kann. Diese Stille ist Rigpa. Sie entsteht nicht durch Erwachen, sondern wird im Erwachen erkannt. Sie war die ganze Zeit gegenwärtig. Doch gerade weil die Projektionen des Bardo so überwältigend erscheinen, wird die Aufmerksamkeit von ihnen ergriffen und übersieht jene Stille, die niemals verschwunden ist.

Schon ein Hauch dieser Präsenz kann genügen, um zu erkennen: Diese Vision bin nicht ich, sie entsteht in mir. Zornvolle Gottheiten schrumpfen zu wirbelndem Rauch. Friedvolle Gottheiten lösen sich in Farben auf. Landschaften zerfallen wie verblassende Träume. Denn Präsenz ist das Einzige, was die Erscheinungen des Bardo nicht überwältigen können.

Die Mechanik dahinter ist einfach. In wacher Präsenz löst sich die Aufmerksamkeit von der Erscheinung, ohne sie festzuhalten. Was nicht länger durch Aufmerksamkeit genährt wird, verliert seine Form und löst sich in Licht auf. Wo die Bindung an die Erscheinung endet, gewinnt das Bewusstsein an Freiheit und öffnet sich für höhere Zustände.

Deshalb können fortgeschrittene Praktizierende den Bardo mit Klarheit durchschreiten. Sie haben bereits im Leben gelernt, selbst inmitten von Chaos präsent zu bleiben. Wenn im Bardo überwältigende Visionen hervorbrechen, erinnern sie sich daran, dass der stille Zeuge wirklich ist, während die Welten um sie herum nur Projektionen sind. Und in dieser Erkenntnis wird Befreiung zu einer Frage des Verstehens, das aus entspannter Präsenz erwächst, ganz ohne jene Kraft und Anstrengung, mit der wir gewöhnlich gegen unsere eigenen Erfahrungen ankämpfen. Was zuvor gefangen hielt, wird zu einem Spiel sich auflösender Reflexionen, die auf das Unendliche verweisen.

 

Die Erwachten durchschreiten den Bardo wie ein luzider Träumer einen Traum, dessen Natur er erkannt hat. Sie erkennen die Welt, die ihnen begegnet, als eine Schöpfung ihres eigenen Bewusstseins, die unabhängig von ihnen keine Wirklichkeit besitzt. Sie bleiben sich ihrer Wandelbarkeit bewusst, unerschüttert von ihrer Intensität und unbeeinflusst von ihren Illusionen. 

Sie begegnen friedvollen Gottheiten im Wiedererkennen, wissend, dass sie Manifestationen innerer Klarheit sind. Vor den zornvollen Gottheiten verneigen sie sich in tiefem Verstehen, frei von jeder Unterwerfung, wissend, dass sie Projektionen unterdrückter Emotionen sind, die nach Integration verlangen. 

Sie müssen weder das Schöne festhalten noch das Schreckliche abwehren. Indem sie beidem erlauben, zu sein, ohne sich darin zu verlieren, bleiben sie frei. Die Visionen ziehen vorüber wie Wolken über einen weiten Himmel. Sie erscheinen, verändern sich und verschwinden wieder, ohne länger mit der Wirklichkeit verwechselt zu werden.

Die Erwachten durchqueren Welten aus Feuer, Ozeane voller Schlangen und Labyrinthe, deren Formen sich unaufhörlich verändern und die einen ungeschulten Geist in Angst versetzen würden. Sie fragen nicht, wie sie diesen Welten entkommen können, denn sie erkennen darin Spiegelungen dessen, was im Geist noch ungelöst ist. 

Illusionen, in denen Erinnerungen an ihr vergangenes Leben Gestalt annehmen, durchschauen sie auf den ersten Blick. Sie weigern sich, dem Drang zu folgen, an Abbildern geliebter Menschen festzuhalten. Sie erkennen den Impuls zur Anhaftung, ohne ihm zu folgen. Ihre Liebe bleibt davon unberührt. Sie erkennen, dass Festhalten nicht Liebe ist und dass Anhaftung das Bewusstsein zurück in die Wiedergeburt zieht.

Die Tibeter sprechen von einer inneren Sonne, einer strahlenden Klarheit im Herzen, die nicht erlischt, egal wie wild die Visionen werden. Während die Erscheinungen kommen und gehen, bleibt diese Klarheit der innere Kompass, der den Weg zur Befreiung weist.

Was für den ungeschulten Geist zur Falle werden kann, wird für die Erwachten zu einer Gelegenheit tiefster Selbsterkenntnis. Hier kann das Bewusstsein die Wahrheit dessen erfahren, was es jenseits aller Gedanken, Formen und Identitäten ist.

Wenn die Schwerkraft von Begehren und Karma das Bewusstsein in Richtung einer neuen Verkörperung zieht, nehmen die Erwachten diesen Sog wahr, ohne ihm zu folgen. Sie beobachten die entstehenden Visionen, ohne sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Erscheinungen verblassen, bis nur noch weiter, leuchtender Raum bleibt.

Von hier aus können die Erwachten frei wählen, im reinen Bewusstsein aufzugehen, sich bewusst für eine erneute Verkörperung zu entscheiden oder in subtilen Bereichen zu verweilen, um jene zu führen, die noch in Samsara, dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, gefangen sind.

Die Erwachten durchschreiten den Bardo in unerschütterlicher Präsenz. Sie lassen die Erscheinungen kommen und gehen, ohne sich von ihnen forttragen zu lassen. Inmitten dieser sich ständig wandelnden Welten erkennen sie ihre wahre Natur. Aus diesem Erkennen erwächst jene Freiheit, nach der wir letztlich alle suchen und die doch nur wenige erreichen.

 

Die Befreiung – Wenn alle Illusionen fallen

Befreiung geschieht in dem Moment, in dem Gedanken ihre bindende Kraft verlieren. Sie geschieht, wenn durchschaut wird, dass all diese Welten, Wesen, Schrecken und Paradiese innerhalb des Bewusstseins entstanden sind. Was wie eine äußere Realität erschien, wird als Projektion erkannt. Löst sich schließlich sogar das Konzept eines getrennten Ich auf, zerfällt mit ihm auch der Bardo und gibt jene reine Leuchtkraft frei, die immer gegenwärtig war.

Diese Leuchtkraft bezeichnet kein physisches Licht. Sie ist die selbstleuchtende Klarheit des Bewusstseins, das sich selbst erkennt. Im tibetischen Buddhismus wird dies als ungeborener Zustand bezeichnet, jene ursprüngliche Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt und in der Gedanken, Formen und selbst die Vorstellung eines getrennten Ich erscheinen und vergehen.

Hier gibt es keine Gottheiten mehr, denen man begegnen könnte, keine Anweisungen mehr zu befolgen und keine Reiche mehr zu durchschreiten. Denn derjenige, der durch sie hätte navigieren können, hat sich aufgelöst. Was bleibt, ist nur die unendliche Weite des Bewusstseins, das sich seiner selbst bewusst ist.

Dies ist die Befreiung, die den Kreislauf der Wiedergeburt beendet. Die Schwerkraft des Karma verliert ihre Anziehung, denn es gibt niemanden mehr, den Anhaftung, Angst, Begehren oder Erinnerung binden könnten.

Befreiung ist wie eine Tür, die jedem jederzeit offensteht. Doch die meisten übersehen sie, weil ihre Aufmerksamkeit in den eigenen Illusionen verstrickt bleibt. Ein einziger Augenblick des Erkennens genügt, um hindurchzutreten, und die gesamte Architektur des Bardo verliert ihre Wirklichkeit.

 

Das Leben als Vorbereitung auf den Bardo

Das Leben selbst ist das Übungsfeld für diesen Moment. Auch dieser Zustand zwischen Geburt und Tod ist ein Bardo, in dem unsere Konditionierungen sichtbar werden und uns zur Selbsterkenntnis führen können.

 

Auch mitten im Leben können wir erkennen, wie unsere Gedanken, Ängste und Konditionierungen jene Realität hervorbringen, in deren alltäglichem Kreislauf wir uns gefangen glauben. Wir müssen diese Erscheinungen weder bekämpfen noch verändern. Wenn wir ihnen in liebevoller Präsenz begegnen, ohne uns an sie zu klammern oder vor ihnen davonzulaufen, entsteht Raum für Selbsterkenntnis.

 

Gleichmut lässt uns präsenter werden, und in dieser Präsenz erkennen wir immer deutlicher die Muster, die uns bisher gefangen hielten. Dieses Erkennen schenkt uns wiederum mehr Gleichmut, aus dem eine noch tiefere Präsenz erwächst. Mit jeder Einsicht gewinnt dieser befreiende Kreislauf an Kraft. Was uns gestern noch vollständig vereinnahmt hat, können wir heute vielleicht schon erkennen, während es geschieht.

 

Solange wir versuchen, das Leben durch Kontrolle unseren Vorstellungen zu unterwerfen, bleiben wir an diese Vorstellungen gebunden. Selbst der Wunsch, immer glücklich, gelassen oder frei von Angst zu sein, kann zu einem neuen Gefängnis werden. Wenn wir die Kontrolle loslassen und uns dem hingeben, was ist, öffnen wir uns dem Leben, wie es sich tatsächlich zeigt.

 

Erwachen bedeutet nicht, dass Gedanken, Gefühle, Ängste oder Konflikte aus unserem Leben verschwinden. Auch ein erwachter Mensch begegnet weiterhin den Herausforderungen des Lebens. Doch er kann inmitten all dieser Erfahrungen gegenwärtig bleiben, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen oder sich mit ihnen zu identifizieren. Gedanken dürfen entstehen, Gefühle dürfen sich entfalten, und selbst in schwierigen Momenten muss die Verbindung zur eigenen Präsenz nicht verloren gehen. Die Freiheit liegt darin, dem Leben mit allem, was es mit sich bringt, vollständig zu begegnen, ohne sich selbst darin zu verlieren.

 

Immer wieder begegnen uns im Alltag kleine Tode. Eine Beziehung endet, und mit ihr stirbt die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft. Ein geliebter Mensch reagiert anders, als wir es uns wünschen, und plötzlich werden wir mit unseren Erwartungen konfrontiert. Wir verzichten einem anderen zuliebe auf etwas, das uns wichtig ist, und spüren, wie sich etwas in uns dagegen sträubt. Selbst ein gewöhnlicher Tag, der anders verläuft als geplant, kann uns zeigen, wie sehr wir an unseren Vorstellungen hängen. Manchmal zerbricht eine ganze Lebensvorstellung, manchmal nur unser Bild davon, wie der nächste Augenblick sein sollte. Immer wieder begegnet uns die Wirklichkeit anders, als unsere Gedanken sie sich ausgemalt haben. Wir können an unseren Vorstellungen festhalten und gegen das ankämpfen, was ist, oder zulassen, dass diese inneren Bilder sterben. Die kleinen Tode des Alltags zu sterben, bedeutet, unsere Vorstellungen von dem, was sein sollte, loszulassen und uns der Wirklichkeit zu öffnen, wie sie tatsächlich ist. Mit jeder Illusion, die wir loslassen, öffnet sich ein Raum, in dem wir deutlicher erkennen können, was wir wirklich sind. So wird die Vergänglichkeit selbst zu einem Lehrer, und mit jedem kleinen Tod wächst unsere Fähigkeit, dem Leben offen und unmittelbar zu begegnen.

 

„Wer gelernt hat zu sterben, weiss,

wie man wahrhaft lebt.“

 

Was du heute denkst, nährst und immer wieder mit Aufmerksamkeit versiehst, bringt deine Realität hervor und formt nach tibetischer Auffassung auch jene Welten, die dir nach dem Tod begegnen. So können wir uns bereits im Leben in denselben Gedanken, Ängsten und Mustern verlieren, die unsere Realität immer wieder aufs Neue gestalten.

 

Doch bereits jetzt können wir beginnen zu erkennen, wo wir unsere eigenen Projektionen für Wirklichkeit halten. Diesen Weg der Befreiung vertiefen wir auch in meinem Retreat Rooted Awakening, wo wir unseren Konditionierungen in liebevoller Präsenz begegnen, unsere Illusionen durchschauen und das Erwachen in der unmittelbaren Erfahrung dessen, was wirklich ist, mitten im Leben verkörpern.

 

Denn die Vorbereitung auf den Bardo beginnt nicht mit dem Sterben. Sie beginnt jetzt.

 

Du warst niemals im Bardo. Der Bardo war in dir.

 

 

 

 

Die eigenen Illusionen zu durchschauen und dem Leben mit mehr Präsenz, Liebe und Gleichmut zu begegnen, ist ein Weg, den wir nicht immer allein gehen müssen. Wenn du dir dabei persönliche Begleitung wünschst, unterstütze ich dich gerne, deinen eigenen Mustern und Gefühlen bewusst zu begegnen und tiefer in der Wirklichkeit anzukommen.